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Mia, das Aussteigerkind, Teil 2

Mia Fischer

Teil 2

Dieses Buch ist meinen Geschwistern und meinen Großeltern in Dankbarkeit gewidmet und natürlich meinem Papa, denn der hat sich den Fuß gebrochen und muss in Deutschland bleiben. Ich habe Euch alle ganz lieb.

Wer Rechtschreibfehler findet, kann sie gern behalten 🙂

Und wer es uns nachmachen möchte, dem empfehle ich Mamas Aussteigerbuch, einen Ratgeber zur finanziellen Planung des vorzeitigen Berufsausstiegs. 

Fahrt nach Venedig

Nun sind wir knapp zwei Wochen hier und Mama fängt endlich wieder an zu schreiben. Ich habe dafür die neu geflieste Küche gewischt. Mama meint: „ Man könnte durchaus von einer Küchenflutung sprechen.“ Sie hat die Türen geöffnet und mein Wasserdesaster trocknet schnell. Es ist der 14. September und hier ist Sommer satt. Es werden so sechsundzwanzig Grad sein, in der Mittagssonne hält man es eher nicht aus und so sind wir drin und chillen.

Unsere Fahrt war für mich ein bisschen anstrengend. Wir waren vier Tage unterwegs mit unserem VW T4. Den ersten Stop hatten wir in Toronto. Mama wollte sich Italien anschauen. Jetzt wissen wir, wir hätten auch gleich bis Venedig durchfahren können. Die zweihundert Kilometer mehr, wären locker zu schaffen gewesen. Aber so haben wir eine Nacht länger gebraucht. Macht nichts, wir haben Zeit.

In Venedig buchten wir einen Bungalow direkt neben den Fährhafen. Selbstverständlich haben wir echte italienische Spagetti gegessen. Mittags gab es Bolognese und abends Carbonara. Wenn ich ehrlich bin, dann war das nicht der Brüller. Wenn mein Bruder kocht, dann schmeckt es viel, viel besser. Der Wein muss gut gewesen sein. Mama meinte: “Diesen Wein haben wir in der Toskana schon einmal getrunken. Damals warst Du noch Quark im Schaufenster. Aber Du hast ein Andenken, von diesem Urlaub. Besser gesagt, dort stammt Dein Name her.“ Aha, nun weiß ich auch das. Mama spricht weiter: “Wir hatten ein wunderschönes Apartment in den Bergen. Dazu gehörte ein Restaurant und die junge Köchin hieß Mia, der Name gefiel uns gut. Damals fing Dein Bruder mit kochen an, es war köstlich, was er uns servierte.“ Mama ist heute redselig, sie erzählt: „ Ja, damals bin ich immer in den Bergen spazieren gegangen. Es gab ein altes Dorf, dort oben in den Bergen. Und ein einsames Haus. Irgendwer erzählte, dort lebt eine deutsche Frau, welche Bücher schreibt. Das war mein Traum. Ruhe haben und Bücher schreiben, ganz allein in den Bergen. Heute ist der Traum wahr geworden. Mein liebes Kind mache es, wie ich, lebe Deine Träume.“ Hm, Träume habe ich viele. Ich möchte mehrere Häuser haben. Eins in Deutschland, eins in Kroatien, eins in Marokko und eins in Dubai. Natürlich meine ich Villen mit Pool. Mama fragt nach:“Wirklich in Marokko?“ Ja, sicher. Marokko war nicht Mamas Land. Dort hat es sie komplett ausgerust, rein magentechnisch gab es wohl eine Katastrophe auf der Toilette. In Dubai fand sie es interessant, aber dort wohnen? Wir werden sehen. Kroatien ist mein Traumland, wir hatten so schöne Urlaube dort. Gern würde ich mal wieder mit meinen Geschwistern dort Urlaub machen. Mama fragt: “Was ist an Kroatien schöner als an Griechenland?“ Ich meine: „Das Essen und das Meer.“ Mama sagt: „Das Meer hast Du hier auch. Aber es stimmt, hier gibt es keinen schwarzen Reis. Und der ist der kulinarische Hammer.“ Aber nun zurück zu unserer Reise.

Anderthalb Tage auf der Fähre von Venedig nach Patras

Wie gesagt, der Fährhafen war gleich neben den Campingplatz. Wir schiften uns ein. Wieder ein Witz ohne Lacher. Wir hatten unsere Blasen im Griff. Aber es wurde für Mama und mich hart. Erst warteten wir ewig in der heißen Sonne, irgendwann fuhren wir auf die gewaltige Fähre. Mamas nicht vorhandenen Fahrkünste wurden auf eine harte Probe gestellt. Es ging eine steile Eisenrampe hoch. Wir mit unserem T4 und den viel zu großem E-Bike hinten drauf. Der Gott der Autofahrerinnen hielt die Hände nicht über uns, denn es kam noch schlimmer. Mama musste rückwärts einparken. Eine Fähigkeit, die sie schlicht und ergreifend nicht besitzt. Da erfüllt sie alle Klischees, sagt sie immer. Okay, wir parkten, dank der Hilfe des erfahrenen Lotsenpersonals unfallfrei ein. Ja, Papa. Du kannst es glauben, Mama produzierte keinen Kratzer an deinem T4.

Wir stiegen aus und nun kam die eigentliche Katastrophe. Schlagartig begriff Mama, wir können während der Überfahrt nicht ins Auto. So hatten wir uns das nicht gedacht. Mama nahm an, wir können im Auto übernachten. Nein. Alle verließen das Auto mit ihren Koffern. Nur wir hatten das nicht eingeplant. Hektisch sammelte Mama eine Notreserve an Essen und für jeden eine Jacke ein und dann gingen wir zum Deck. Setzten uns. Mama sammelte sich und begriff den Umfang der Katastrophe. Dreiunddreißig Stunden auf einem Schiff, ohne irgendetwas außer Geld und Kreditkarte. Nach einer Viertelstunde Schockpause hatte Mama genug meditiert und fand sich wieder. Wir suchten die Information auf und erfuhren, dass wir bis zur Abfahrt ins Auto können. Derweil saßen wir neben einer Jungstruppe, die hatten unser Desaster mitbekommen und schauten mitleidig rüber. Nun ging Mama zum Auto und holte die Isomatte sowie unsere Schlafsäcke. Wir waren gerettet, dachten wir. Die Jungs waren ebenso beglückt von der Nachricht, dass sie noch in ihr Auto konnten. Ein großer netter Bursche brach auf und reicherte sein Biervorrat an. Er war nett. Fragte Mama:“ Ist ein Bierchen willkommen?“ Mama lachte und sagte: “Herzlichen Dank, ich habe mein Weinchen dabei.“ Die Jungs waren nun unsere Nachbarn, wir schliefen Kopf an Kopf auf dem Deck und halfen uns, wenn es nötig war.

Ja und es wurde noch einen Zacken mieser. Es begann zu stürmen und zu regnen. Es regnete rein. Wobei reinregnen jetzt nicht ganz korrekt ist. Wir waren ja draußen an Deck und es war kalt und nass. Zu nass und kalt. Mama hatte es satt. Sie ging zur Information und wollte eine Kabine buchen. Diese sollte einhundertsiebzig Euro kosten. Das war meiner preisbewussten, gern auch geizigen Mama, zu viel. Es geht immer irgendwie. Ja und es ging. Das Personal hatte Mitleid mit uns. Wir durften rein und bekamen zwei trockene Sitzplätze zugewiesen. Es waren die sogenannten Pullmannsitzte. Die wir wohl sogar auch gebucht hatten, denn wir buchten „Camping on Bord“.

Wir knapperten unsere Erdnüsse, waren happy und schliefen mittelprächtig zwischen soundsoviel Leuten. Früh am Morgen gab es ein Kompliment für mich. Eine Frau mit einem sehr dicken Hinter, er ruhte die Nacht neben uns, sprach Mama im österreicher Dialekt an. Sie meinte: „Ich gratuliere Ihnen zu diesem Kind. Es ist sehr brav und wohlerzogen.“ Mama antwortete: „Kein Problem. Wir sind das Campen gewohnt.“ Nach der stürmischen Nacht meinte es der Wettergott wieder gut mit uns. Den Rest der Reise schien die Sonne. Wir quartierten uns häuslich neben den Jungs ein und hatten Meerblick satt. Ja, doch und nun wurde es so richtig gemütlich. Wir lagen kuschlig auf dem Deck herum und genossen die Bootsfahrt.

Ich spielte so vor mich hin und Mama machte das, was sie am besten kann – nichts. Hatten wir Hunger oder Durst gingen wir ins Restaurant, uns fehlte nichts. Allerdings schlug unsere Höhenangst zu. Wir gingen eine Etage höher und beide hatten wir Höhenangst. „Schaue ja nicht ins Meer.“, sagte Mama. Wir besuchten nur einmal das Oberdeck, das war nicht unser Ding. Nun hatten wir keinen Plan, wir wussten es nicht. Fuhren wir vierundzwanzig Stunden oder vierunddreißig?

Plötzlich räumten einige Decknachbarn ihre Schlafsäcke zusammen. Sind wir bald da? Mama dachte es und rollte die Schlafsäcke zusammen. Nein, wir waren auf dem falschen Dampfer. Oder besser gesagt, es gab einen Zwischenstopp. In Patras würden wir erst ein Uhr nachts ankommen. Po eh. Mama fluchte vor sich hin. Lieber wäre sie mit dem T4 über Kroatien und Albanien gefahren, da kann man Zwischenstopp machen, wenn man müde ist. Nun müssen wir uns den Ankunftszeiten der Fähre beugen und zur nachtschlafenden Zeit Interesse zeigen. Das bekommen wir nun auch noch hin. Denken wir.

Mama rollt die Schlafsäcke wieder auf und wir pennen. Bis es tutet, die nächtliche Ankunft in Patras wird per Lautsprecher unüberhörbar verkündet. Mama rollt und packt, sie ist gechillt. Eine Bootsreise vertreibt Stress. Es ist nach Mitternacht, wir packen und parken aus. Kutschieren vom Schiff in die Stadt, begreifen, wir fahren in die falsche Richtung. Lenken um, fahren in die richtige Richtung, das Navi gibt uns recht. Wir halten an. Es gibt eine griechische Hochzeit. Mama fragt, ob wir einen Wein und eine Cola bekommen können. Ja, wir bekommen es. Sehen der sich auflösenden Hochzeitsgesellschaft bei den letzten griechischen Tänzen zu.

Ich bin müde. Mama ist fasziniert, von den rhythmischen Tänzen und der herrlichen Feier. Wir trinken aus, parken am Meer, die Wellen rauschen, die Musik der Hochzeitsfeier tönt herüber. Mama hat eine Flasche Sekt. Ein Geschenk zu ihrem fünfzigsten Geburtstag von einer guten Freundin. Mama köpft die Flasche, der Korke knallt übers Meer. Mama trinkt und sagt: “So Mia. Jetzt sind wir angekommen. Dort wo ich hinwollte.“ Ich kann mich kaum auf den Beinen halten. Das Meer rauscht, wiegt uns in den Schlaf. Wir schlafen, wie die Murmeltiere, tief und fest. Morgens ist Mama eher wach, fährt weiter. Ich liege, schlafe und bin nicht ansprechbar. Bis Mama beim Bäcker hält. Es gibt starken Kaffee für die Fahrerin und einen lila Smoothie für mich. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, wir haben gute Laune und schmettern ein Morgenlied in die griechische Landschaft. Kalothitera! Es sieht so aus, wir sind willkommen.

Wir fahren und fahren, es wird warm und dann wird es heiß. Mama bremst, wir halten am Meer und gehen baden. Herrlich!

Irgendwann sind wir ohne Katastrophen da. Endlich angekommen. Papa sagte einmal: „Das ist jetzt unser neues Zuhause.“ Mama sieht es auch so, ich bin mir da nicht so sicher.

Nun ja, wir haben eine Woche Zeit, dann beginnt die Schule. Ich möchte im Meer baden. Also fahren wir ans Meer, baden und landen einen Glückstreffer. Wir entdecken einen riesigen Pool. Direkt da, wo wir immer im Meer baden, gibt es ein Hotel, sehr exklusiv und teuer. Und eben ausgestattet mit einem herrlich großen und einsamen Pool. Und mit einer Steckdose für unser Macbook. Denn wir gehen jetzt zum Pool und schauen Filme zum Lachen an. Davon später mehr. Nun heißt es erstmal. Kalinichta (Gute Nacht.)

Die erste Schulwoche

Am Montag beginnt die Schule, neun Uhr sollen wir da sein. Die Kinder kommen mit ihren Eltern oder Großeltern. Mich begleitet Mama und Theo. Theo managet alles, spricht mit dem Direktor und der Lehrerin, übersetzt uns das Gesagt. Danke Theo!

Keiner trägt einen Ranzen. Ich habe diesen ebenfalls zu Hause gelassen. Am ersten Tag wird noch nicht gelernt, es gibt ein kleines Fest. Oder besser gesagt, die Popen weihen das Schuljahr ein und wünschen allen ein schönes, erfolgreiches Schuljahr. So gegen zehn Uhr beginnt das ganze. Wir Kinder stellen uns in Reihen auf. Am Ende steht immer der Lehrer. Ich habe eine Lehrerin. Wir sprechen die Lehrer mit dem Vornamen an.

Nun geht es los. Drei Popen kommen, tragen schwarze Kleider und einen lustigen Hut. Sie zünden Weihrauch an, singen und sprechen. Es zieht sich hin, mir wird schlecht vom Weihrauch. Da muss ich wohl durch.

Nächstes Jahr werde ich verstehen, was sie sagen und singen. Nun ist mir langweilig. Die anderen Kinder sind ruhig, hören zu und bekreuzen sich oft. Es wird gebetet. Und dauert und dauert. Plötzlich nimmt der älteste Pope ein Kreuz, hält es an einen grünen Zweig, taucht das Kreuz ins Wasser und bespritzt die Kinder. Die Kinder kichern, schreien und lachen. Der Direktor ruft mit mächtiger Stimme dazwischen, fordert Ruhe ein. Meine neuen Mitschüler hören und es kehrt wieder Ordnung ein. Der Pope spritzt weiter, alle beten wieder und irgendwann ist Schluss. Puh.

Ich gehe mit meiner Klasse und der Lehrerin noch kurz ins Klassenzimmer. Wir setzten uns auf die Tische, dorthin, wo wir uns platzieren möchten. Die Tische stehen in U-Form, neben mir sitzt ein Mädchen und ein Junge. Es gibt vier Jungs und sieben Mädchen, mit mir sind wir zwölf Schüler in der Klasse. Die Kinder erzählen der Lehrerin, was sie in den Ferien gemacht haben. Endlich ist es geschafft, wir sind entlassen und können nach Hause gehen. Es ist so gegen zwölfuhrdreißig.

Wir gehen erstmal zu Theo und Litscha, laufen keine fünf Minuten. Wir sitzen, wie immer, um den Tisch und ich erzähle Litscha davon, wie es in der Schule war. Litscha hat zur Feier des Tages frische Sardinen geholt. Diese backt sie ohne Mehl in der Röhre. Das ist die gesunde Variante. Eigentlich werden die kleinen Fische in Mehl gerollt und in der Pfanne mit viel Olivenöl gebraten. Wir sind hier in der Nähe von Kalamata. Die Einheimischen sagen, in der Gegend um Kalamata wachsen die besten Oliven und hier kommt das beste Olivenöl her. Fakt ist, das Öl schmeckt himmlisch. Ich tunke mein frisches Brot hinein und streue etwas Salz darüber. Lecker! Lecker! Da brauche ich nichts weiter.

Mittlerweile serviert Litscha den Fisch. Theo rührt die Soße an, Olivenöl mit Zitrone gerührt mit einem kleinen lustigen, elektrischen Gerät. Anschließend träufelt Theo die Soße über die knusprigen Sardinen. Es duftet köstlich und schmeckt herrlich. Ich lange ordentlich zu. Dazu wird frisches Brot gereicht. Bei den Griechen gibt es zu jeder Mahlzeit Brot. Sie mögen es und putzen die Teller damit optimal sauber. Wobei aufessen wird hier nicht so groß geschrieben, oft lassen die Griechen etwas auf dem Teller liegen. Die Gläser werden auch nicht geleert. Mama findet das verschwenderisch. „Schade um den schönen Wein.“, sagt sie immer.

Der erste Schultag war kurz, aber anstrengend. Wir fahren in unser Bergdorf, dieses ist circa fünf Kilometer entfernt. Es ist richtig heiß und Zeit für ein kurzes Nickerchen im kühlen Schlafraum mit Blick auf die grandiosen Berge. Wir sind geschafft, können jedoch nicht einschlafen und so schauen wir zwei Folgen meiner Lieblingsschnulze „Downton Abbey“ an.

An den andren Tagen beginnt die Schule acht Uhr und bis zwölfuhrdreißig muss ich Interesse zeigen. Mama bringt mich morgens zur Schule und holt mich auch ab, wenn Litscha Zeit hat, kommt sie mit. Was soll ich sagen, gefällt es mir in der Schule? Ich sage: “Es ist normal.“ Wir dürfen viel draußen spielen. Die Kinder aus meiner Klasse sind alle meine Freunde. Wir spielen oft Basketball. In der Schule verstehe ich nicht viel. Dann male ich mit Bleistift und radiere es wieder weg. So machen es die anderen Kinder auch,  wenn ihnen langweilig ist.

Ich bekomme extra Unterricht, damit ich die Sprache lerne. Eine nette Lehrerin aus Frankreich übernimmt den Job, bis die eigentliche für mich zuständige Lehrerin kommt. Die Lehrerin aus Frankreich kann Deutsch sprechen, wir verstehen uns gut. Über das Wochenende bekomme ich Hausaufgaben. Ich muss das Alphabet lernen und zehn neue Wörter. Für mich ist das keine Problem, Mama hat es nicht so gut drauf. „Ti na kanete (da kann man nichts machen).“, sagt Mama. Am Freitag habe ich Englisch, das macht richtigen Spaß. Französisch lernen wir auch, darüber freut sich Mama sehr.

Das Wochenende verbringen wir am Meer

Ich bin happy, die erste Woche ist geschafft und gleich nach der Schule fahren wir ans Meer und bleiben bis zum Sonntag. Wir schlafen in unserem Campingbus und genießen das Leben am Meer. Mama hat sich zu ihrem fünfzigsten Geburtstag ein Schlauchboot geleistet und ich habe eine neue Angel bekommen. Wir wollen angeln, blasen das Boot auf, packen die Angel ein und ab geht es aufs Meer. Allerdings ist es windig, die Angel verfitzt sich. Mama wird sie an diesem Wochenende noch oft entfitzen müssen. Um es kurz zu machen, wir fangen nichts. Dreimal beißt ein Fisch an, immerhin. „Gefühlte einhundert Mal war die Angel im Arsch.“, meint Mama.

Nun gehen wir zum Pool, schwimmen und relaxen. Und so verbringen wir das Wochenende mit Schwimmen, Angeln oder Relaxen in der Launchbar am Meer, hier gibt es WLAN. Ich habe mein Handy dabei und treffe alle meine deutschen Freunde im Handy per Videoanruf wieder. Wir schwatzen ausgiebig. Ich hole mir Anglertipps bei meinem Freund, Mama hat paar Fachfragen zur Angelmechanik, er gibt ihr kompetente Antworten und führt Mama in die Funktionsweise einer Angel ein, das ist Neuland für sie.

Am Samstagmorgen ist es windstill, das Meer ist ganz flach und glänzt ruhig in der Sonne. Gegenüber in der Bucht gibt es eine kleine Insel, die ist heute morgen unser Ziel. Wir stärkten uns mit einem ungesunden Frühstück, frisch gekauft beim Bäcker, schnappen uns das Schlauchboot und ab gehts: ins Inselhopping-Abenteuer. Wir schätzen die Entfernung. Ich denke, es sind drei Kilometer bis zur Insel. Mama sagt:“ Keine Ahnung, ich habe keinen Anhaltspunkt und konnte noch nie Entfernungen richtig einschätzen. Es kann auch nur ein Kilometer sein.“ Wir rudern abwechselnd. Naja, Mama ist öfters dran, es ist schon nicht so nah.

Später erfahren wir von unserem Campingnachbar, einem netten Österreicher, es sind tausendzweihundert Meter. Aha.

Gestern haben wir den Film vom Komiker Otto gesehen, „Spiegeleiland“ war zum schießen. Wir saßen, stromversorgt am nächtlichen Pool und amüsierten uns köstlicher per Youtube. Der Film lieferte uns die Inspiration für unser Spiel. Derjenige, welcher arbeiten und rudern muss, wird vom anderen per Ruderboot-Entertainment unterhalten. Es gibt selbstverständlich auch einen Werbeblock: In unserem Fall für Ruderroboter in allen Ausführungen: Rot, grün, blau -sowieso. Groß und klein, schnell und langsam, wir haben alles im Angebot. Wer es langsam mag, dem empfiehlt die Werbung den ultimativen Kinderruderroboter. Wenn ich rudere, dann drehen wir uns manchmal im Kreis. Mama ist mit Entertainern dran und kreiert einen Kinderroboter, der mit künstlicher Intelligenz erfasst, wann der Mitfahrer einen Panoramarundblick wünscht. Ich rudere, drehe meine Kreise und lache mich halb Tod. Dann kann ich nicht mehr und überreiche Mama die Ruder. „Ganz vorsichtig, mache ja langsam!“, meint Mama. Ein Ruder hat ein Teil verloren und würde sofort unter gehen, wenn es über Bord gänge.

Nun fährt mein Ruderboot-Entertaiment zu Höchstleistungen auf. Ich spiel: Makoeiland. Wieder so eine Lieblingsschnultze aus dem Fernsehen von mir. Ich spiele, die Insel ist Makoeiland, es ist Vollmond und wir verwandeln uns in Meerjungfrauen. Ich kläre Mama auf: „ Es gibt auch Meerjungmänner.“ Mama gibt zu, davon hat sie noch nie etwas gehört. Und nun kommt meine alles entscheidende Frage an Mama: „Möchtest Du eine Meerjungfrau werden oder ein Meerjungmann?“ Mama kann sich vor Lachen nicht halten, stellt den Ruderjob kurz ein und lacht und lacht. Ich lache mit. Frage plötzlich: „Warum lachen wir eigentlich.“ Mama lacht weiter und sagt grinsend: „Ich denke, ich sollte eine Meerjungmann werden.“ Sie setzt lächelnd die Ruderei fort.

Die Insel kommt näher. Ich entdecke eine Hölle. Die künstliche Intelligenz unserer Ruder sagt uns, wir sollten uns einmal im Kreis drehen und das Panorama genießen sowie die Höhle bewundern. Ich schwatze von der Höhle. Mama begreift nur langsam, warum die Höhle – sie ist winzig – so wichtig für uns ist. „In der Höhle werden junge Mädchen zu Meerjungfrauen.“, erkläre ich geduldig. Mama meldet eine Verständnisfrage an: „Muss ich ein Mann sein oder kann ich auch als Frau ein Mehrjungmann werden?“ Diese Frage ist mir zu blöd, da gibt es keine Antwort drauf. Mama verzieht schmollend das Gesicht, schiebt eine Panoramarunde ein und erkundet die örtlichen Gegebenheiten. Wo sollen wir anlegen?

Sie entscheidet sich rechts vom Anlegesteg und wir landen an spitzen Felsen. Mama springt hoch auf die Rampe, ich auch und dann ziehen wir das Schlauchboot sicherheitshalber auch gleich mit hoch. Geschafft, nun kann die Inselerkundigung los gehen. Es wird nicht ewig dauern, die Insel ist sehr klein. Es gibt nur einen gepflasterten Weg bergan. Wir haben keine Schuhe mit, also balancieren wir die Pflaster hoch. Nach maximal zwanzig Metern haben wir das Pfadende erreicht und sind oben. Stehen vor einem Denkmal. Gewidmet den britischen Gefallenen, welche im Jahr 1827 hier in der Navarinobucht in irgendeinem Krieg gestorben sind. Mama meint: „Kriege sind sowas von sinnlos.“ Ich bin ja nicht blöd, das weiß ich auch.

Mama kalkuliert vor sich hin: „Ein Mensch kommt vierundzwanzig Stunden ohne Wasser und noch länger ohne Essen aus. Bleiben wir eine Woche?“ Hä? Mama hat wohl einen Sonnenstich.

Nach einer Stunde, wir springen zwischendurch ins Meer und baden, ist mir langweilig. Mama gibt sich geschlagen, der Wind nimmt zu und wir rudern zurück. Der Wind nimmt gaaaanz schön zu, die Wellen werden höher und wir haben das Gefühl, wir kommen nicht voran. Mama hat es satt. Ruft:“ Mann über Bord!!!“ und springt ins Wasser. Nun schwimmt sie und zieht mich und das Boot hinter sich her. Das gefällt mir gut, ich bekomme richtig gute Laune und schmettere einige Lieder übers Meer. Ich frage meinen Schwimmroboter mit der künstlichen Intelligenz: „Schaffst Du es.“ Er antwortet: “Kein Problem.“ Ach, ich liebe den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, die Sonne, das Meer und das Leben. Und schmettere noch ein selbst gedichtetes Lied in das Universum. „Goldini, Goldini, ich feire mei Leeben.“, brülle ich im schönsten Sächsisch gegen den Wind.

Dank dem technischem Fortschritt kommen wir irgendwann mal an. Bloß gut. Es wird nämlich ziemlich heiß, trotz Wind, die Sonne grillt mich. Ich habe mich derweil angezogen, Mama ist im Adamskostüm. Ergo bin ich fürs Boot zuständig und ziehe es an den Strand. Mama hüllt sich ins Handtuch ein. Unsere Landung ist geglückt. Mama hatte ihren Frühsport und damit ist ihr Tagesoll erfüllt.

Meins noch nicht. Ich muss noch etwas lernen. Es ist das griechische Alphabet und zehn oder zwölf Wörter. Für mich ist das kein Problem. Aber wenn ich Mama abfrage, nun ja. Ich kann ihr nur eine Drei minus geben. Mama ist trotzdem begeistert, weil ich nach einer Woche Schule schon das gesamte Alphabet kann. Ich habe nun auch mein Tagessoll erfüllt.

Wir relaxen, schwimmen, Mittags gibt es Pita. Ich bin mit bezahlen dran, einmal die Woche ich sonst Mama. Aus meiner Schatztruhe werde ich ihr neun Euro und neunzig Cent geben. Danach ist Mamas Portmonee immer so dick, wie der Bauch eines Hängeschweins. „Geld ist Geld.“, pflegt Mama dann zu sagen.

Und wenn wir schon mal beim Geld sind. Wenn wir zur Schule laufen, kommen wir immer an einem wunderschönen Haus vorbei.“ Es ist total eingezäunt, sieht aus wie ein Hochsicherheitstrackt. Ich frage: “Wieso ist das Haus so gesichert?“ Mama antwortet: „Die Besitzer leben in Australien, kommen nur im Sommer her.“ Hä? „Warum brauchen sie dann ein Haus?“ „Eine Immobilie, eben ein Haus, ist eine gute Geldanlage.“, sagt Mama. „Das verstehe ich nicht.“ Nun erklärt Mama: “Das Geld auf der Bank verliert an Wert, wegen der Inflation. Wenn Du zehntausend Euro hast und es eine Inflation von 1,8 Prozent gibt und Du nur 0,2 Prozent Zinsen bekommst, dann verlierst Du im Jahr 160 Euro also 1,6 Prozent. Ein Haus steigt in der Regel im Wert. Zumindest, wenn Du es nicht total überteuert gekauft hast oder eine Immobilienblase platzt oder die Regierung uns enteignet. Das gab es schon einmal, nach dem Krieg.“ Sorry, ich verstehe Bahnhof.

Frage aber sicherheitshalber noch einmal nach. „Das Geld von meinem Buch bekomme ich auf die Hand, nicht auf irgend ein Konto, oder?“ Mama lacht und meint: „Gewiss, das ist unser Deal.“ Ich bin beruhigt.

Abends leisten wir uns ein Abendbrot im Hotel Zoe. Wir wollen uns dankbar zeigen, denn wir nutzen den Pool, das WLAN, die Liegen, die Duschen und Toiletten umsonst. Ich bekomme eine riesige Eistorte. Ich sage Euch, die ist voll lecker. Mama bestellt ein Lachsgericht von der Karte. Dieses wäre nicht vorrätig, dafür gebe es eine andere Variante. Ob Mama diese wolle. Ja, sie möchte gesunden Fisch essen. Zweimal die Woche hat es ihr Hausarzt empfohlen, wegen der Schilddrüsenunterfunktion, die sie danke der Tabletten hat, die sie schon seit vier Monate nicht mehr nimmt. Mama hat was im Kopf oder am? So genau weiß ich das nicht.

Mama isst gegrillten Lachs mit Gemüse und trinkt zwei Gläser Wein. Wir sitzen am Meer, es ist dunkel, das Meer rauscht und in den Bäumen hängen Korblampen, welche das Ambiente in ein dezentes Licht tauchen. Mama lächelt zufrieden vor sich hin und verlangt die Rechnung. Jetzt schläft ihr das Gesicht ein, dreißig Euro soll der Spaß kosten. Der Wein kostet zwei mal zweieurofünfzig, meine Eistorte sechs Euro, das macht elf Euro, da haben die doch tatsächlich neunzehn Euro für den Fisch berechnet. In der Karte stand er für zwölf Euro. Ohr nee, die Griechen bescheißen, wo sie können.

Mama frönt am anderen Morgen ihr neues Hobby, sie bescheißt die Griechen. Vor acht Uhr geht sie hinter in den Hotelgarten und holt unseren Gemüsevorrat für die Woche. Ab acht Uhr fangen die Griechen an mit Arbeiten, hier auch am Wochenende.

Mama holt Tomaten, Paprika, eine Honigmelone, Zitronen und Okraschoten. Diese liest sie vom Boden auf. Das war der Fehler, die kann man nicht essen, denn sie sind holzig. Na gut, da haben wir wieder etwas gelernt. Ach Gurken sind auch dabei. Das ist Mamas neues Geheimmittel, wenn sie mal wieder Tränensäcke hat. „Einfach die Gurken auf die Augen drücken und voila, es hilft.“, meint Mama. „Ich habe es mit teuren Crems versucht, schade ums Geld. Und die gewöhnliche Gurke, sie löst das Problem leidlich.“, erklärt Mama mir. Wer will das wissen? Ich nicht.

Am Samstag Abend haben wir „Go, Trappi go“ auf unserem Pool-Entertaiment-Programm. Wir lachen oft, vielleicht zu laut? Aber hier ist niemand, außer die Hotelgäste, welche am Pool vorbei vom Restaurant zu den Apartments flanieren.

Spät abends fahren wir wieder in die Berge in unser Haus. Es ist schon dunkel und wir gehen schlafen. Kalinichta! (Gute Nacht!)

Die zweite Schulwoche

Der Wecker klingelt, welch schreckliches Geräusch. Es ist noch etwas dunkel und wir sind hundemüde und dösen vor uns hin. „Oh Mann, warum muss ich in die Schule gehen?“, knurre ich. „Weil es eine Schulpflicht gibt und Du bist zur neunten Klasse in die Schule gehen musst. Und außerdem, musste ich da auch durch.“, belehrt mich Mama wie ein Oberlehrer. Aha.

Unser Wecker klingelt halb Sieben, halb Acht fahren wir los und um Acht geht die Schule los. Sind wir zu zeitig, dann kommt die Mama mit in die Schule. Wir laufen in mein Klassenzimmer, hängen den Ranzen an den Stuhl und gehen auf dem Schulhof. Es ist etwas frisch, also setzten wir uns auf die Bänke in der Sonne und haben einen Blick aufs Meer. Tief durchatmend seufzt Mama:“ Davon haben wir immer geträumt.“ Ich will mich nicht streiten, aber mein Traum war das nicht. Nur damit hier nichts Falsches geschrieben wird.

Langsam kommen immer mehr Kinder und spielen. Mama will gehen. „Okay, aber wir gehen noch einmal ins Klassenzimmer.“, bitte ich. „So machen wir es.“, antwortet Mama. Letzte Woche hatte ich zwölfuhrdreißig Schluss, das war zum Eingewöhnen. Nun holt mich Mama ein Uhr fünfzehn ab. Sie geht derweil ins Café auf dem Platio, erledigt ihre Wege und streitet sich mit Fifi rum. Fifi ist die Frau von unserem Handwerker und macht Mama große Sorgen, sie verlangt immer mehr Geld. Es gibt Streit. Ich mag das nicht, Mama auch nicht. Sie wird eine Lösung finden, denke ich. Aber es nervt uns. Abends weine ich das erste und wohl einzige Mal. Mama hat es satt, sie wird sich drei Angebote einholen und die Preise vergleichen, sagt sie. Schließlich war sie im Ministerium für Bau zuständig, hat um Millionen mit dem Finanzministerium verhandelt und lässt sich nicht von Fifi behumpsen. Punkt!

Mittwochs teilen wir die Woche und fahren wieder ans Meer.

Fortsetzung folgt unter Vorruhestand.blog

Impressum

Mia Fischer

Neudorf Straße 31

09629 Reinsberg

elkefischer2015@gmx.de

Vorruhestand.blog

Ein Gedanke zu „Mia, das Aussteigerkind, Teil 2

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