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Mia, das Aussteigerkind

Leben in Griechenland

Auswandern mit schulpflichtigem Kind, Erfahrungen einer Aussteiger – Familie

Der folgende Artikel ist ein Auszug aus meinem Buch „Mia, das Aussteigerkind“, Teil: 1-3

Lerne Griechisch und Du kannst Dein Englisch verbessern

Diesen Satz sagte uns ein Professor für Linguistik. Dieser nette, ältere Mann ist unser neuer Freund. Er ist Grieche, wanderte, nachdem er einen langweiligen Job in einem Standesamt in Griechenland hatte, zu seinem Bruder nach Australien aus. Er meint, dies war eine richtige Entscheidung. In Australien hat er studiert, seinen Doktor gemacht und als griechischer Lehrer an einem Gymnasium gearbeitet.
Er erzählt uns auf Englisch: „In Australien ist das Leben leichter als in Griechenland. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit unter fünf Prozent. Ein Kellner verdient beispielsweise siebenhundert Euro pro Woche. Davon gehen einhundert bis zweihundert Euro an den Staat. Die Menschen sind freundlicher als in Griechenland und es gibt weniger Probleme.“ Mama wirft ein: „Die Menschen in Griechenland sind doch auch freundlich und helfen.“ Sie bedankt sich beim Professor, denn er hilft uns gewaltig bei unseren Problemen mit den Bauleuten und beim Sprechen. Mit mir spricht er Griechisch, viel verstehe ich noch nicht.
Der Professor erklärt uns, sehr viele Dinge haben ihre Basis im alten Griechenland. Das Alphabet wurde von vielen Ländern in Europa und sogar in Indien übernommen. Die alten Griechen fuhren mit Schiffen nach Indien und so wurde der Sprachstamm übertragen. Alpha, Vita, Gamma – A, B, C das ist das Basisalphabet. Ebenso wurde die Geometrie, die biologischen Namen, die Sprache der Medizin und viele Wortstämme von den alten Griechen übernommen. Darum der Spruch: „Learn Greek and You can improve Your English.“ Ergo soll ich stolz sein, dass ich Griechisch lerne.
Das hat mir meine Lehrerin auch erklärt. Sie spricht Deutsch und meint: „Du kannst froh sein, dass Du hier bist. Nicht jeder hat die Chance zwei Sprachen und Kulturen zu lernen. Es ist gut für Deine Zukunft, wenn Du Griechisch lernst.“ Hm, jetzt denke ich nach. Was soll ich sagen? Oft werde ich gefragt, wie es mir in der Schule gefällt. Ich sage immer: „Es ist normal.“

Die Schlacht von Navarino 1827 beendete die Herrschaft der Moslems

Hier habe ich in der vierten Klasse Geschichte und so befassen wir uns damit.
Vor einhundertneunzig Jahren fand am zwanzigsten Oktober diese denkwürdige Schlacht statt. Die Alliierten bestehend aus Russen, Franzosen und Engländer gewannen die Schlacht gegen die türkischen und ägyptischen Schiffe bei einer Seeschlacht in der Bucht von Navarino. In dieser Bucht schwimmen wir, wenn wir in Galgajani sind. Als Mama und ich mit unserem Schlauchboot die kleine Insel besuchten, da sahen wir das Denkmal. Es war den Gefallenen englischen Offizieren gewidmet.
Mama hat im Internet recherchiert und herausgefunden, dass dieses denkwürdiges Ereignis dazu führte, dass der griechische Staat gegründet wurde. Die lange Herrschaft der Türken über die Europäer wurde mit dieser Schlacht beendet. Die Alliierten zögerten lange, bevor sie handelten. Aber als die Türken mit zehntausend Leuten mordend und brandschatzenden durch die Dörfer zogen, sammelten die Alliierten ihre Flotten in der Bucht von Navarino. Sie wollten anfänglich nur ihre Macht demonstrieren. So wie Mama es gelesen hat, ist es historisch umstritten, ob der britische Admiral ein Mandant zum Angriff hatte. Das die Schlacht statt fand, konnte ein dummer Zufall sein. Der britische Admiral sendete ein Boot aus, dies wurde von den Gegnern als provokativer Akt verstanden. Sie griffen an, die Schlacht begann und die Alliierten siegten.
„Eine Ursache für die totale Niederlage der Flotte Ibrahims war die überlegene Feuerkraft der Alliierten. Sie verfügten über die besseren Kanonen. Hinzu gekommen sein mag: ein Teil der Offiziere und Mannschaften der ägyptisch-türkischen Flotte bestand aus Europä- ern, die keine große Neigung zeigten, auf Landsleute zu feuern. Die Philhellenen in ganz Europa triumphierten („Griechenland ist frei / und Byron applaudiert aus seinem Grab“, jubelte, z.B., der französische Dichter Victor Hugo), auch wenn es mit der internationalen Anerkennung eines unabhängigen Königreichs Griechenland noch bis zum Jahr 1932 dauern sollte. Freude herrschte auch in Moskau und Paris, in London war man indessen ganz und gar nicht entzückt über den Ausgang der Navarino-Schlacht. Ein „untoward event“, ein unerwünschtes Ereignis, nannte der spätere Premier-Minister Wellington in einer Thronrede die Vernichtung der türkisch-ägyptischen Flotte – galt sie doch den Briten als wichtiges Gegengewicht gegen russische Expansionswünsche im östlichen Mittelmeer.
Codrington und seine Offiziere wurden nach der siegreichen Schlacht zwar mit Orden dekoriert. Aber der Admiral wurde wenig später seines Postens als Kommandeur der britischen Mittelmeerflotte enthoben. Auch hatte er große Schwierigkeiten, für seine Männer eine angemessene Entschädigung für in Navarino erlittene Schäden zu erstreiten, es gelang ihm erst als Abgeordneter im britischen Unterhaus.
Dass die Griechen heute den denkwürdigen Tag der Seeschlacht von Navarino in der Regel so geflissentlich übergehen, mag verwundern. Zur Feier des Ochi- Tags von 1941 gab es in den Athener Zeitungen am 28. Oktober auch dies Jahr (Anmerkung: Der Artikel stammt von 2007.) wieder Gedenkseiten und umfangreiche Beilagen, zur 180. Wiederkehr des 20. Oktober 1827 las man dagegen so gut wie nichts, Navarino scheint vergessen. In der Tageszeitung Eleftherotypia fand sich dazu, immerhin, eine kritisch- ironische Anmerkung, in der es u.a. heißt: „Auch wenn es vielen nicht gefällt – die griechische Unabhängigkeit, die Schaffung des neuen griechischen Staates schuldet der militärischen Intervention der Alliiierten in Navarino auf unserer Seite viel, sehr viel. … Sie geschah in einem Moment, als der Unabhängigkeitskampf militärisch am Ende war, der völlige Zusammenbruch nur noch eine Frage der Zeit. … Unsere konsequenten Antiimperialisten von links und von rechts und die übrigen fortschrittlichen Kräfte mögen vielleicht ihre Vorbehalte haben gegen das Einschreiten der Großmächte in Navarino damals. Als wenn sie es vorgezogen hätten, wenn wir weiter unter osmanischer Oberherrschaft geblieben wären, statt die Unabhängigkeit durch die entscheidene Intervention der bösen Imperialisten zu erringen.“
Gewiss, die legendären Helden des griechischen Befreiungskampfes waren bei der entscheidenden Schlacht von Navarino nicht dabei – die Großmächte haben den Kampf unter sich ausgetragen. Mit den für das britische Empire nicht beabsichtigten Folgen: der temporären Stärkung des Zarenreiches im Mittelmeer einerseits, der unerwünschten baldigen Expansion eines unabhängigen griechischen Nationalstaats über die engen Grenzen der Halbinsel Peloponnes hinaus andererseits. Ein Resultat, für das die Griechen ihren alliierten Helfern zwar nicht alle Jahre wieder Lorbeerkränze flechten müssen – die handelten schließlich nicht aus selbstlosen Motiven. Aber ein bisschen mehr als die Benennung einer kleinen Athener Nebenstraße nach dem Sieger von Navarino, dem britischen Admiral Codrington, und ein Gedenkstein in Pylos dürfte es schon sein.
Eberhard Rondholz, Berlin“

Puh, als Kind verstehe ich davon nicht so viel. Es gab mal wieder Krieg und der ist Mist. Offensichtlich war es ein Zufallskrieg. Mama sagt: „Manchmal wiederholt sich die Geschichte, hoffentlich nicht jetzt, wo die Großmächte wiedermal verrückt spielen. Vor einer Woche war der griechische Premierminister in Amerika bei Trump. Es gab wieder ein Haufen Geld von den Amis, damit sich die Griechen noch mehr Kampfjets leisten können. Wo soll das hinführen?“ Wir wohnen nur eine Stunde von Kalamata entfernt, dort gibt es neben dem Flughafen einen Militärflughafen. Täglich ab acht Uhr früh hören wir die Kampfjets durch die Berge düsen, nur Sonntags ist Ruhe. Mama sagt immer: „Dafür ist offensichtlich Geld vorhanden. Trump lobte Tsipras, Griechenland erfüllt das Ziel. Zwei Prozent des Bruttosozialprodukts werden für das Militär ausgeben. Unser Merkel hat sich verpflichtet zukünftig ebenfalls zwei Prozent dafür einzuplanen. Toll, was? Und dann gibt es einen dummen Zufall und wir haben den Krieg. Furchtbar.“

Der Ochi- Tag ist ein Feiertag

Der 28. Oktober ist ein Feiertag, leider fällt er in diesem Jahr auf einem Samstag. Schade, schade. Theo meint: „Vielleicht bekommt Ihr Freitag frei.“ Nach das wäre doch mal was, echt jetzt. Die Kinder in meiner Klasse machen immer mal blau. Eine Mutter hatte verschlafen, weckte erst neun Uhr auf. In Deutschland hätte Mama mich sofort in die Schule gefahren. Hier konnte das Kind zu Hause bleiben.
Ich habe mit Mama verhandelt, sie verspricht mir: „Wenn Du Griechisch sprechen kannst, dann kannst Du Dir zwei freie Tage genehmigen. Eher aber bitte nicht.“ Naja, das ist doch besser wie nichts – denke ich.
Ich lerne in der ersten Klasse, dann wieder in meiner vierten Klasse. In der ersten Klasse lerne ich das Alphabet und schreiben. In meiner Klasse verstehe ich etwas, wenn wir Mathe haben oder Computer. Nicht soviel verstehe ich, wenn wir Geschichte haben. Es ging um einen Krieg, zwischen den Deutschen und den Griechen. Wir haben Filme angeschaut und die Kinder üben marschieren für den Feiertag. Ich werde gefragt, ob ich mit marschieren möchte. Nein, ich habe keine Lust. Am Samstag werden die Kinder durch die Stadt marschieren. Sie werden weise Hemden und blaue Hosen tragen.
Was wird nun eigentlich gefeiert? Mama hat recherchiert: Im Jahre 1941 hat Italien Griechenland zur bedingungslosen Kapitulation aufgefordert. Die Griechen haben nein (ochi) gesagt, darum ist der 28. Oktober der Ochi-Feiertag. Daraufhin hat Italien als Verbündeter von Deutschland dieses um Hilfe gebeten. Die Welt befand sich im zweiten Weltkrieg, er begann 1939 und endete 1945. Nun rückten die Deutschen in Griechenland ein und richteten großen Schaden an. Die Deutschen waren grausam und töteten viele Griechen.
Eine Nachbarin erzählte uns die Geschichte von unserem Tal. Die Deutschen wurden von den griechischen Bauern im Tal erwartet. Die Bauern hatten sich oben auf den Bergen versteckt und wollten ihr Tal verteidigen, natürlich zu recht. Es war ihr Land. Die Deutschen zogen ins Tal, allerdings zur Siestazeit. Die Griechen machten ihr Nickerchen und verschliefen die Invasion. Nun dachten die Deutschen: „Oh, das ist hier ein deutschlandfreundliches Tal.“ Sie zerstörten nichts und gingen auf die Einwohner zu. Weiter erzählte die Nachbarin, die Deutschen renovierten sogar die Bilder in der Kirche gegenüber auf den Berg. Dann kamen irgendwann die Engländer und klauten die Bilder. Und nun, so wird erzählt, fragen die Einheimischen: „Bist Du Deutscher oder Engländer?“ Wer Deutscher ist, ist willkommen.

Das sind so die Geschichten, die wir hören. Ob es so war? Sorry, da müssen wir erst Griechisch lernen, dann fragen wir aber unbedingt nach.

 

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